Do - Der Weg

 
Pflüger, Albrecht [1982]. Karate-Do.  


KARATE-DO bedeutet »der Weg des Karate«.
Es gibt auch anderejapanische Sportarten, die mit dem Begriff des DO verbunden sind (Jdo, Kendo, ...). Allen gemeinsam ist der Begriff des DO. Deshalb zunächst eine genauere Analyse des japanischen Schriftzeichens für DO, die uns auch Aufschluss gibt über die Bedeutung dieses Begriffes in Verbindung mit den japanischen Kampfsportarten.

Das Sinnbild DO enthält zwei Zeichen: Kopf und Gehen. Es stammt ursprünglich aus der Lehre vom Tao und meint, dass das Wesentliche des Menschseins vom Kopf und vom Gehen ausgeht. Gehen, Bewegung der Beine, ist so entscheidend wie die Tätigkeit des Kopfes, das Denken. Es bedeutet, der Kopf soll sich konzentrieren auf das Gehen, dadurch wachsen dem Menschen Kräfte.

So steht das Zeichen DO als höchstes Prinzip für Tao. Durch dieses DO lebt und atmet alles.
Es ist zu beachten, dass das untere Zeichen (gehen) die Verbindung einer kurzen gewellten Linie darstellt. Das Zusammentun einer Horizontalen mit einer Vertikalen bringt den ganzen Rhythmus des Gehens zum Ausdruck. Diese Linien müssen mit Schwung gezeichnet werden. Aber sie werden beherrscht von dem darüber liegenden Kopfzeichen. Auch dieses Zeichen ist eine Verbindung von mehreren Waagrechten mit den Senkrechten. In den Linien wird die ganze Harmonie des Kopfes versinnbildlicht. Merkwürdig ist, dass über dem Viereck nochmals eine waagrechte Linie zu sehen ist. Dadurch wird die Allverbundenheit betont.

Es gibt viele Wortverbindungen mit Weg (do); Zendo - der Weg des Zen; chado - der Weg des Tee; Judo - der sanfte Weg; Kendo - der Weg des Schwertes; Bushido - der Weg des Ritters, Shinto - der Weg der Götter . . .

DO ist die japanische Aussprache für das tao des Laotse. Das Wort wird verschieden übersetzt mit Weg, Pfad, Bahn, gehen, wandeln, Natur, Weltgesetz, Weltordnung, Sitte, Tugend usw. Ursprünglich ist damit etwas Geistiges gemeint. Laotse verwendet das Wort auch in diesem Sinn. Mit dem DO oder tao ist von Anfang an etwas Geheimnisvolles verbunden. Das DO ist die Rückkehr zum Ursprung, zum Urquell allen Seins. Im großen Meer des DO verlöscht alles Leid, und die Gegensätze heben sich auf. Der Mensch kommt zum Frieden mit dem All-Einen und zum Frieden mit sich selbst. Ohne DO vermögen wir nichts, und alles ist aus dem DO geschaffen.

Wie kann man zu diesem DO gelangen? Es ist sehr leicht und sehr schwer zugleich den Weg zu beschreiten. Das Zeichen sagt Kopf und Gehen. Im Gehen haben die Großen immer einen Weg gefunden, der zum Innersten des Menschen führt. Das ist so einfach, daß es die meisten verlachen. Sie vermuten nichts Besonderes in dem einfachen Gehen.
DO ist Kopf und Gehen und Größeres hat noch keiner zwischen Himmel und Erde gefunden. »Ich weiß, dass ich gerade vor mich hinmarschiere, die Füße auf der Erde und den Kopf in den Himmel« (Francis James).

»Im Geiste des DO sollen wir wandeln, es ist kein alltäglicher Weg«, heißt es bei Laotse. Aus dem DO werden die Dinge der Tiefe, des Unergründlichen bewirkt. Alle Geschöpfe vertrauen dem DO, und sie leben. Von hier kommt aller Segen und alle Fülle.
Wer ohne DO lebt, muss erschlaffen und versinkt. Mit DO meistern wir das Leben. Sprich nicht viel darüber. Lebe den großen Gedanken. Der Weg fährt abseits von Prunk und Ruhm. Entsage! Hoge jyaku! Nicht das Große und Gewaltige führt zum DO, eher das Zarte und Schwache.

Für Karate und die anderen japanischen Kampfsportarten könnte man vielleicht die Bedeutung des DO in Kurzfassung so formulieren: als Weg zur körperlichen und geistigen Meisterung des ICH's.

Karate hat in den letzten Jahren in der westlichen Welt einen wachsenden Zulauf gefunden. Es ist der geheimnisvolle Nimbus fernöstlicher Tricktechnik zum Zwecke der Selbstverteidigung, mit dem früher das in Wirklichkeit weit harmlosere Judo umgeben wurde, der nun dazu herhalten muss, den Helden jedes modernen Krimi- oder Agentenfilms unschlagbar zu machen. Hinzu kommt noch die Faszination jener reißerisch aufgemachten Karate-Filme der sog. »China-Welle«, die besonders bei der Jugend die Begeisterungsfähigkeit für (hier exotisch verbrämte) Brutalitäten schamlos ausnutzen. Das führt dazu, dass in der Öffentlichkeit ein verzerrtes Bild der japanischen Kampfsportarten, und hier vor allem des Karate, entsteht. Karate wird oft als Ausdruck der Brutalität verstanden, der rohen, »supermannhaften« Kraftentfaltung (wozu auch die oft veröffentlichten Darstellungen von, für Laien unfassbar erscheinenden, Schlag- und Härtetests ihren Beitrag leisten). Im besten Falle wird Karate als Mittel betrachtet, um aus jeder Schlägerei siegreich hervorzugehen. Dieser ganze Komplex von Vorstellungen erzeugt aber bei der großen Masse jene Faszination, die dem Karate gegenüber empfunden wird. Es ist nun eine ganz wichtige Aufgabe, durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit einerseits das falsche, verzerrte Bild des Karate zu korrigieren und andererseits den vielen Interessenten, die aufgrund der oben angesprochenen falschen Vorstellungen zu uns in die Vereine kommen, das richtige Karate zu zeigen und sie dafür zu begeistern.

»Einer der Wege ist Geduld. Auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt« Zunächst ist Karate schon rein äußerlich eine »Körperkunst«, d.h., man lernt im Karate vollendete Körperbeherrschung. Die Karatetechniken bestehen aus den Tätigkeiten des Schlagens, Tretens und Stoßens. Dazu kommen noch die äußerst schnellen, geschmeidigen und kraftvollen Bewegungen. Jede Karatetechnik wird erst voll wirksam aus bestimmten Körperhaltungen heraus, die nicht einfach zu erlernen sind. Das alles und dann besonders die Übungen mit dem Partner entwickeln vollendete Körperbeherrschung, Geschmeidigkeit, Kraft, Ausdauer, Reaktionsfähigkeit und Gleichgewicht. Karate ist also schon vom rein körperlichen her eine äußerst vielseitige Sportart.

Pflüger, Albrecht [1982]. Karate-Do.


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